Authentisch im Kontakt

Zu kommunizieren oder mit anderen Menschen im Kontakt zu sein kann stressen. Solche Momente können sich häufen und uns in einen hohen Spannungszustand bringen. Zum Beispiel immer dann, wenn wir eine bestimmte Rolle spielen. Dabei dann bemerken, dass wir uns gerade von unserem eigenen Wesen immer weiter entfernen. Oder wenn wir scheinbaren Erwartungen entsprechen wollen. Nach einer Weile bemerken wir, dass dabei unsere eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Vorstellungen auf der Strecke bleiben.

Sich authentisch zu begegnen hat auch viel mit Augenhöhe zu tun. Auf Augenhöhe ist Kontakt, Freiheit und Entspannung möglich. Das setzt voraus, zu wissen, auf welcher „Höhe“ man sich selbst befindet und gegebenenfalls ein wenig nachzujustieren. Im Gespräch selbst kann uns z.B. auffallen, dass wir uns unterlegen fühlen. Haben wir uns schon mal mit den eigenen Mustern, Denk- und Verhaltensweisen auseinandergesetzt, beispielsweise in MBSR-Kursen, Trainings zu Achtsamkeit oder im Coaching, so können wir im ersten Schritt unser Denken und Verhalten im Moment des Gesprächs wahrnehmen. Das kann schon etwas verändern. Dieser Stopp-Moment ermöglicht uns, entweder, unseren Selbstwert z.B. durch eine günstigere Körperhaltung zu stärken oder, wenn wir bemerken, dass wir unser Gegenüber bewerten, uns ihm gegenüber wieder neu zu öffnen und wertzuzschätzen.

Ob wir uns unter oder über jemanden stellen hat meist mit uns selbst zu tun. Befinden wir uns nicht auf Augehöhe, sind wir nicht mehr im Kontakt mit dem anderen und auch nicht mit uns. Wir haben dann den ehrlichen Bezug zu uns verloren. Im Bereich der Bewertung werden wir innerlich fest und verschlossen. Unsere Aufmerksamkeit nach außen zu richten und schnell zu reagieren kennen wir gut. Das ist dann das Reagieren im Autopiloten.

Im Kontakt authentisch zu sein, bedeutet also zuallererst „die empathische Fähigkeit im Bezug auf sich selbst“ zu stärken. So sagt es Helle Jansen, vielgefragte dänische Psychologin und Nachfolgerin vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul.

Empathisch mit uns selbst sein ist, wenn wir zuerst den Kontakt zu uns selbst herstellen und behalten. Wenn wir ehrlich mit unseren persönlichen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen.

Eigenes zu stärken, beginnt mit dem Fokussieren der inneren Aufmerksamkeit. Das führt zum Präsent sein. Zum selbstverantwortlichen Entscheiden, wie wir in Situationen reingehen und wie und ob wir reagieren. Innere Ausrichtung können wir lernen. In der Meditation und auch in der Auseinandersetzung mit den inneren Antreibern, Mustern bzw. Persönlichkeitsanteilen. Denn sie haben gute Gründe, warum sie existieren und uns immer ähnlich reagieren lassen. Nicht immer passt dieser Reaktion aber auf die gegebene Situation. Wenn wir die Anteile in uns kennenlernen die so reagieren, können wir auf liebevolle Art und Weise lernen, hilfreichere Handlungsoptionen zu wählen und häufig überschießende Emotionen beruhigen.

Authentische Menschen sind präsent. Sie verstecken sich nicht. Sie strahlen in ihr Umfeld. Sie haben eine hohe Wirkungsmacht. Im Schauspiel sagt man, wer die Bühne betritt und atmet, weitet seinen Raum und schillert nach außen. Er ist durch den Atem mit sich selbst verbunden und dadurch mit anderen.

Von welcher Seite wir uns auch nähern. Wichtig finde ich es, einen ersten Schritt für sich selbst zu tun und sich Raum dafür zu nehmen. Das Trainieren von Achtsamkeit und Selbstführung kann ein guter Anfang sein.

Ich empfehle diese Alltagsübung: Im Gespräch mit jemand anderem immer wieder aufmerksam werden auf den eigenen Körper: Bin ich gerade irgendwo angespannt? Dann: atmen, loslassen, entspannen.

(c) Irene Ossa